Warum uns Populismus nicht hilft

Immer wieder werden, insbesondere durch das Lehrerportal news4teachers, die Todesfälle von Kolleginnen und Kollegen durch Covid-19 veröffentlicht. Die Zahlen werden auf Twitter geteilt und direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst, als Beweis angeführt, dass Schulen unsicher seien.

Jeder Todesfall ist ein Todesfall zu viel. Diese Feststellung ist unumstößlich. Allerdings muss man sich, wenn man die Debatte versachlichen will, die Frage stellen: Wo stehen wir im Vergleich zur relevanten Vergleichsgruppe in der Bevölkerung?

Beschäftigte in D44.500.000
Davon Lehrpersonen785.655
Prozentualer Anteil Lehrpersonen1,77
Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland

Über alle Schularten hinweg arbeiten in Deutschland etwa 785.000 Menschen in Lehrberufen. Das entspricht einem Anteil von 1,77 % aller Beschäftigten.

Todedfälle in D (20-65 Jahre)2.813
Davon Lehrpersonen23
Prozentualer Anteil Lehrpersonen0,82
Todesfälle durch Covid 19 bei Lehrpersonen

Aus der Statistik habe ich die Zahl der Todesfälle in der Gruppe der 20-65 auf 2.813 abgeleitet. Abgeleitet deswegen, weil dort die Gruppe 60-69-Jähriger ausgewiesen ist. Ich habe davon 1/3 auf die unter 66-Jährigen geschätzt (Hier werde ich noch die genaue Zahl aus den Rohdaten des RKI entnehmen). Man kommt dann auf 2.813 Todesfälle in der Gruppe der 20-65-Jährigen. Die bis dato zweifelsfrei Lehrpersonen zugewiesenen Todesfälle (23) entspricht einem Anteil von 0,82 % an dieser Bevölkerungsgruppe.

Es gibt eine Reihe Unwägbarkeiten, die schwer aufzulösen sind:

  • Nicht immer wird die Berufsgruppe von Infizierten erfasst.
  • Das RKI unterscheidet nicht nach Lehrer_innen, Erzieher_innen oder Mitarbeiter_innen in Kinderbetreuungseinrichtungen (z. B. Heimen).
  • Über den Ort der Infektion ist in der Regel nichts bekannt. Wo die Ansteckung der Lehrpersonen stattgefunden hat, ist also nicht darstellbar.

Was kann man also mit den Zahlen anfangen? Nüchtern betrachtet ist die Zahl der Todesfälle bei Lehrpersonen nur halb so hoch, wie sie rein statistisch sein müsste (der Anteil müsste etwa dem Wert des Anteils an den Beschäftigten entsprechen, also um 1,7 % liegen). Sind Lehrer_innen also weniger betroffen, als andere Bevölkerungsgruppen? Sicher nicht, denn zum einen gibt es eine nicht abschätzbare Dunkelziffer, weil die Berufsgruppe evtl. nicht erfasst wird. Andererseits haben während des nun fast gesamten letzten Jahres teilweise strenge Maßnahmen stattgefunden (Schulschließungen, Wechselunterricht). Eine niedrigere Zahl der Todesfälle bei Lehrpersonen wäre ein Beleg dafür, dass solche Maßnahmen sinnvoll sind und ein Argument, diese Maßnahmen weiterhin umzusetzen.

Das Problem sind also die vielen “wenns”, “abers” und Konjunktive. Eine wirklich eindeutige Aussage ist schlicht nicht möglich. Das bedeutet aber auch, dass die Verwendung der Todeszahl populistisch ist und instrumentalisiert wird um eine notwendige und sinnvolle Agenda zu unterstützen. Das finde ich persönlich respektlos gegenüber den Opfern und ihren Familien und kontraproduktiv für unsere Anliegen als Lehrer_innen.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass in vielen Schulen zunächst die baulichen und organisatorischen Gegebenheiten keine wirklich funktionierenden Hygienekonzepte zulassen. So sehr man sich auch anstrengt, wenn das ÖPNV-Unternehmen an Busfahrzeiten festhält, kann man keine versetzen Unterrichtszeiten umsetzen. Gänge in Schulen werden nicht breiter, weil es Einbahnstraßensysteme gibt, Schulhöfe werden nicht größer, um Klassen(stufen) in den Pausenzeiten sauber zu trennen. Die Zahl der Toiletten und Waschbecken nimmt in Zeiten der Pandemie auch in Schulen nicht zu. Und die Aufstockung der (unfassbar unterbezahlten) Reinigungsfachkräfte, wir durch die Schulträger oft nur widerwillig umgesetzt.

Zudem haben wir es mit Kindern und Jugendlichen zu tun. Diese strengen sich wirklich an, aber selbst uns Erwachsenen fällt es schwer über 5 bis 6 Zeitstunden alle Hygieneregeln durchgängig einzuhalten. Und ehrlich gesagt sehe ich die größte Gefahr, die von Schulen ausgeht darin, dass Kinder und Jugendliche Covid-19 in die Familien tragen und vielleicht mit dem Wissen leben müssen, der entscheidende Kontakt gewesen zu sein.

Solange man also nur über die Bullshit-Bingo-Phrase “Treiber der Pandemie” palavert, anstatt einfach mal einzelne Schulen wirklich durchzutesten und nachzusehen, ob Kinder und Jugendliche sich wirklich weniger anstecken oder ob die Krankheit einfach nur nicht entdeckt wird, weil keine Symptome auftreten, die Übertragung aber unabhängig davon möglich ist (das legen die Zahlen, betrachtet man die Statistik nach Altersgruppen, nahe). Solange sollte man über Lockerungen im Bereich der Schulen nicht im Ansatz nachdenken.

Aber auch hier hat man den Eindruck: Das Kultusministerium schläft und es gibt gar kein Interesse daran, herauszufinden, was denn wirklich Sache ist. Vielleicht vermutet man (und auch dafür gibt es ja einzelne punktuelle Hinweise), dass es in Schulen kein Stück anders ist, als an anderen Orten, mit dem Unterschied, dass das Durchschnittsalter an Schulen logischerweise sehr niedrig ist und man einfach der Statistik in die Hände arbeitet: Kinder und Jugendliche haben nur ein sehr geringes Risiko schwerer Verläufe zu erleiden. Das ist aber gegenüber den Lehrer_innen, den Beschäftigten in der Verwaltung (die auch viel zu wenig erwähnt werden), den Eltern und letztendlich den Kindern, fahrlässig. Corona betrifft auch die Hinterbliebenen von Verstorbenen, die sich fragen: Warum habe ich überlebt? War ich Übeträger_in?

Beitragsbild: Photo by Marcelo Leal on Unsplash